Es war einer jener Novembertage, an denen man den sprichwörtlichen Hund nicht vor die Türe jagt. Grau, regnerisch und affenkalt. Frank nahm übers Wochenende an einem Management Meeting teil, und ich genoss so richtig mein 'Junggesellinnendasein'. Grande dolce far niente war angesagt.
Am Morgen kam mir just zur richtigen Zeit eine Handvoll homöopathischer Literatur auf den Tisch geflattert, auf die ich mich jeweils quartalsmässig mit Heisshunger stürzte. Ich holte eine Flasche Vosne-Romanée 1er Cru, Jahrgang 76 aus dem Keller. Frank liebte mehr die leichten hiesigen Weine. So blieb halt der 'schwere Franzose' eher Feiertagen vorbehalten oder sonstigen, aussergewöhnlichen Anlässen.
Ich kroch unter meine Bettdecke. Die Uhr zeigte kurz vor fünf nachmittags. Draussen goss es in Kübeln. Dies waren jene Momente, wo ich ihm da oben dankte, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte und die Heizungsrechnung begleichen konnte. 'An den kleinen Dingen sollst du dich erfreuen', sagte ich mir und genoss einen Schluck des Dekantierten.
Gina, mein norwegisches Waldkatzenmädchen, gab einen gurrenden Laut von sich und hüpfte zu mir ins Bett. Dies war nichts Aussergewöhnliches. Keineswegs. Sie tat es bereits in der ersten Nacht, als sie mit 3 Monaten zu uns ins Haus kam. Kaum war ich im Bett, kam sie auf leisen Schneeschuhen daher, sprang auf mein Kopfkissen, sagte dabei ein artiges 'Gurr, Gurr' und drehte sich nach Katzenmanier ein paar Mal um die eigene Achse, bevor sie ihre endgültige Position fand. Ich drückte mein Gesicht in ihren Bauch, der unmissverständlich die Spuren überstandener Mutterschaft zeigte. Sie hatte vor 3 1/2 Monaten 4 kleinen Norweger Recken das Leben geschenkt und genoss nun sichtlich ihre Rekonvaleszenz. Zwei schwarz/weisse Katerchen und ein fast weisses Weibchen hatten vor einigen Tagen zu liebevollen Katzenmenschen gewechselt. Schweren Herzens, versteht sich. Von einem stinkfrech gezeichneten Schwarzweissen konnte ich mich beim besten Willen nicht trennen.
Ach hätte ich mich doch, denn er biss mir soeben genussvoll in die linke dicke Zehe. 'Au', schrie ich, 'bist du des Wahnsinns fette Beute? Auweia, lass' das, Uno, du Uno Turbo el Pirato, du'. Solche namentlichen Auswüchse finden bekanntlich in keinem Stammbaum Platz. Deshalb riefen wir ihn schlicht Uno.
Es war der zweite Wurf, den Gina hatte. Sie war jeweils eine vorbildliche Mutter, gebar mit links, hatte Milch im
Überfluss und verteidigte ihre Brut bis aufs Messer. Kaum waren sie flügge, kriegten sie von Mutter eins an die Ohren und wurden rasch zur Eigenständigkeit erzogen. Sie war in jeder Beziehung ohne Pardon. Nur mit mir machte sie da eine rühmliche Ausnahme. So gleichgültig, ja teilweise unsozial, sie sich anderen Katzen gegenüber verhielt, zu mir baute sie eine innige und tiefe Beziehung auf, die zugegebenermassen auf Gegenseitigkeit beruhte. 'Mein Gott, Ginelli', sagte ich zu ihr und rieb meinen Kopf an den ihrigen, 'mein Gott, hab' ich dich lieb, du Besenweib, du'. Sie legte mir ihre linke, dichtbehaarte Pranke auf die Nase, zog ihren schwarzumrandeten Nasenspiegel kraus, verschmälerte ihre tiefgrünen Augen zu einem Spalt, stellte ihre Pinselohren hoch und sagte leise 'Mäch'.
'Mäch' sagte sie immer, wenn sie verliebt war. Und das war sie in diesem Moment ganz mächtig. Denn, wann kam Frauchen schon mal um Fünfe ins Bett und hatte soooo viel Zeit für sie? Wie das Katzen so zu tun pflegen, legte sie sich raumfüllend über meine Lektüre und deckte dabei sorgfältig jeden Buchstaben ab. 'Also gut', sagte ich zu ihr. 'Hab' verstanden, du willst schmusen, nichts als schmusen'. Sie erhob ihre Pinsel kerzengerade und schenkte mir einen umwerfenden Blick. Vor diesem Blick ging ich schon einmal in die Knie. 'Weisst du noch, Ginnimaus, als ich dich das erste Mal an der Katzenausstellung in Zürich sah? Wie es da bei deiner 'Mutter' KLICK machte?' Und meine Gedanken schweiften 4 Jahre zurück. Auch damals war es November.
Es geisterte schon monatelang in meinem Kopf herum. Ein kleines Kätzchen sollte her, womöglich mit Stammbaum. Na klar, da war ja noch die leicht betagte, 12 1/2 jährige Kuschel aus einem Nürensdorfer Pferdestall. Sie biss damals, gerade 8 Wochen alt, einer Stute herzhaft in ihre empfindliche Fessel. Worauf ich mich Knall auf Fall in sie verliebte. Sie hielt Einzug in meine Wohnung.
'Zu einem 12 1/2-jährigen Tier nimmt man kein Jungtier'. Dies vernahm ich
dann zu mal von allen Seiten, ob kundig oder unkundig. 'Das geht nicht gut'.
'So was tut man einem alten Tier nicht an'. 'Du wirst sehen, das geht schief'. 'Wir haben so unsere Erfahrungen'. Ich hatte keine. Und hastete von Katzenausstellung zu Katzenausstellung, Frank immer im Schlepp. Er ist ein gutmütiger Mensch, das muss an dieser Stelle einmal gesagt sein. Ein Perserkätzchen war im Visier. Was auch sonst? Siamesen schrien mir zu laut, obwohl ich noch nie eine gehört hatte. Und andere Rassen waren mir fremd. So konzentrierte ich meine Anstrengungen mit Vehemenz auf mehr oder weniger Flachnasige. Entzückende Geschöpfe gab es darunter. In allen Farbvarietäten. Ich hatte auch schon konkret eine im Auge, nur der Züchter wollte nicht. Ich wurde mit der Zeit irre am Angebot. Perser so weit das Auge reichte. Zuviel Auswahl für eine Waage, um einen klaren Entscheid treffen zu können, was ihr ja ohnehin schwerfällt! Die Kuschel-Anhänger in meinem Bekanntenkreis beteten, auf dass es so bliebe.
Dann kam der besagte Novembertag in Zürich Anno 1987. Es war Sonntagnachmittag und Frank hoffte inbrünstig, dass ich den Inserateteil im Tagesanzeiger übersah. Ich übersah nicht. Natürlich nicht, ich hatte mit der Zeit eine spezielle Sehschärfe für Katzenausstellungs-Inserate entwickelt. Eine Stunde später reihten wir uns sittsam in die Warteschlange vor der Züspa-Halle ein. Frank schenkte mir ein gequältes Lächeln, das ich artig quittierte. 'Wir bleiben nicht lange', sagte ich, 'und hinterher lade ich dich als Entschädigung zu einem guten Schluck ein'.
Wir tauchten unter in ein Meer von Menschen und Käfigen. 'Ich glaube, Perser sind da hinten', sagte mein Begleiter. 'Hast du gehört?' Natürlich hatte ich gehört. Ich stand wie gebannt in der zweiten Reihe vor einem Eckkäfig. Darin tummelten sich 4 Katzenknäuel von für mich undefinierbarer Herkunft. 'Perser sind da hinten'. Frank wiederholte sich. 'Ja', sagte ich mit Nachdruck, 'aber was ist das denn? Noch nie gesehen. Du?' 'Nein, wie sollte ich?'
Hinter dem Käfig unterhielt sich ein Mann in astreinem Deutsch mit seiner Nachbarin. 'Entschuldigung', fuhr ich fast verlegen dazwischen. 'Entschuldigung, was ist das wohl für eine Rasse?' 'Norwegische Waldkatzen', sagte die Stimme. 'Soll ich ihnen eine rausholen? Welche wollen sie sehen? Hier habe ich zwei blau/weisse Katerchen, ein schwarz/weisses Mädchen und noch das Tabby Mädchen mit den weissen Pfötchen und dem weissen Lätzchen'. 'Ist Tabby das Tigerli?', fragte ich zurück und verriet damit wenig Sachverständnis. 'Ja', sagte der Mann geduldig, 'das ist das Tigerli'. Die Steigerung des Adrenalinspiegels bewirkt eine Erweiterung der Pupillen. Das wissen die Mediziner, das wissen auch die Verliebten. 'Ja', sagte die Verliebte hastig. 'Ja', wenn ich das Tigerli 'mal halten darf'. 'Na klar doch'. 'Wie heisst sie denn?' 'Ali', erwiderte er. 'Ali? Das ist doch ein Männername, wollen sie mich auf den Arm nehmen?' 'Nein', entgegnete er 'Ali heisst sie.'
Das Katzenmädchen mit dem Männernamen legte ein Pfötchen auf meine Nase, zog den Nasenspiegel kraus, verschmälerte seine blau-grünen Augen zu einem Schlitz, stellte seine andeutungsweise sichtbaren Pinselöhrchen hoch und sagte leise 'Mäch'. Der Käfig begann sich zu drehen. 'Das ist sie', stammelte ich vor mich hin. 'Ja, das ist sie. Guck mal Frank, ist sie nicht bildschön?' 'Ich versteh' nichts von Katzen', sprach die Männerlogik. 'Aber du hast doch Augen im Kopf. 'Klar, und ein Gedächtnis. Und das Gedächtnis ruft mir in Erinnerung, dass wir seit Monaten den Persern hinterher rennen und nun bei den Norwegern landen. Sag' 'mal, seid ihr Frauen eigentlich alle so?' 'Ich schwärmte auch immer für blonde Männer mit blauen Augen und du bist schwarz und hast grüne'. 'Komm', sagte er, 'die Ausstellung ist gross und wir haben noch gar nichts gesehen'. 'Halten sie sie mir frei', rief ich dem Züchter zu. 'Wir kommen zurück. Bestimmt, wir kommen zurück. Glauben Sie mir'.
Gäbe es einen Geschwindigkeitsrekord im Katzenbetrachten, ich hätte an diesem Sonntagnachmittag Einzug ins Guiness Buch der Rekorde gehalten. 'Ich versteh' die Welt nicht', sagte Frank, der hinter mir her hechelte, 'sonst krieg' ich dich nicht weg von den Käfigen und heute nun das. Hat es dich denn so erwischt?' 'Ja', sagte ich 'breitseitig'.
'Was kosten denn die Katzen überhaupt?', fragte ich den Züchter bei unserer Rückkehr. 'Welche?' Diese Frage liess offenbar auf ein Kurzzeitgedächnis schliessen. 'Die getigerte Tabby', gab ich ungeduldig zur Antwort. Er musterte mich eine Weile von oben bis unten. 'Elfhundert', sagte er mit fester Stimme. 'Elfhundert, die anderen drei Neunhundert'. Dieser scharfsinnige Preisentscheid verriet den Kaufmann in ihm. Die züchterische Leistung konnte ich nicht beurteilen. Damals jedenfalls nicht. 'Ich nehme sie', entgegnete ich - zu allem entschlossen und warf einen fragenden Blick auf meinen Begleiter. 'Ich war natürlich nicht auf einen Katzenkauf vorbereitet, ich muss zuerst an den Bancomat', entschuldigte ich mich fast verlegen. Als wäre es üblich, mit dick gefüllter Brieftasche an der Katzenausstellung zu erscheinen. 'Und dann muss ich auch noch nach Hause, einen Katzenkorb holen'. 'Lassen sie sich Zeit', sagte der bald um Elfhundert Bereicherte. 'Nur keine Hetze, vor 18.00 Uhr können sie sie sowieso nicht mitnehmen'. 'Passen sie gut auf sie auf', rief ich beim Hinausgehen'. 'Laut Vertrag gehört sie nun mir'.
Frank und ich gingen schweigsam zum Auto. Wir dachten wohl beide das gleiche. 'Was wird Kuschel nur sagen?', rief ich nach einer Weile aus und mein Herz rutschte dahin, wo es nicht hingehört. 'Das musste ja kommen', meinte Frank, fast ärgerlich. 'Zuerst stierst du 'was durch und hinterher hast du Angst vor der eigenen Courage. Typisch.'
'Kuschel', rief ich aus, als wir zu Hause waren, 'du kriegst ein norwegisches Schwesterchen mit vier weissen Pfötchen und einem weissen Lätzchen und dem frechsten Gesichtsausdruck, den ich jemals sah. Freust du dich?' 'Ja', äffte Frank 'Kuschel freuet sich ganz dolle. Sie hat sich nichts mehr gewünscht, als nach 12 1/2 Jahren ein norwegisches Gespänli zu erhalten. Sie wird dir vor Freude in die Ecken machen'. Wie recht er behalten sollte.
'Mein Gott', dachte ich, 'was war in den vergangenen vier Jahren alles passiert'. Ich nahm einen Schluck des von mir so geliebten 'Franzosen', drehte Gina, die noch immer auf meiner Lektüre lag, auf den Rücken und zwickte sie liebevoll ins Ohr. 'Mäch', sagte sie und legte ihr Näschen in Falten. 'Weisst du noch, Ginelli, wie ich in der letzten Stunde, bevor ich dich mit nach Hause nehmen konnte, eifersüchtig wie ein Sperber über dich wachte? Jedesmal wenn sich dir jemand näherte und dich allzu genau betrachtete, rief ich aus 'das ist meine, die können sie nicht mehr kaufen'. Was hat der Züchter, von dem ich dann im Nachhinein niemals mehr etwas hörte, wohl gedacht? Als du dann an jenem Sonntagabend bei uns Einzug hieltst, fehlte nur noch der Triumpfmarsch von Aida im Background. Weisst du noch wie Kuschel katzebuckelnd auf dich zu kam? Du warfst ihr schwanzerhoben ein freundliches 'Gurr' zu. Zum Dank gab sie dir einen saftigen Tatzenhieb, der sich gewaschen hatte. So sind die Alten, keinen Respekt vor der Jugend .... An jenem Abend haben wir dich von Ali in Gina umgetauft und darauf einen Champagnerkorken knallen lassen. Oder waren es zwei? Ich weiss es gar nicht mehr so genau. Die Freude über deine Ankunft war jedenfalls riesengross und selbst der nicht so schwärmerisch veranlagte Frank schwang nach oben aus in Superlativen. So eine hübsche, rassige, schöngezeichnete, süsse, anschmiegsame, liebe, freundliche und reinliche Maus habe er noch nie gesehen, sagte er von dir, der Katze. Er sagte auch noch an jenem Abend - und das mit Nachdruck - dass nun ab sofort Katzen - da ja nun zu zweit - nicht mehr ins Schlafzimmer und schon gar nicht ins Bett gehören. Als du dann bei uns im Bett lagst, genauer gesagt, auf meinem Kopfkissen, schlief Frank schon den Schlaf der Champagnergerechten. Und als wir morgens so gegen fünf aufwachten und uns langsam herbeiholten, dass wir einen neuen Hausbewohner hatten, warst du verschwunden. Wir waren hellwach.
'Die Kuschel hat das Ginelli umgebracht', rief ich entsetzt und Frank schwebte überm Bett wie schwerelos. Ich rannte durch die Wohnung wie von der Tarantel gebissen und rief 'Gina, Ginelli, Ginnimaus, wo bist du?' 'Ruf' 'mal Ali', zischte Frank 'und zeig' ihr den Stammbaum und die Rechnung, Vielleicht macht's dann bei ihr KLICK.' Ich fand das damals gar nicht komisch. 'Mach' uns einen Kaffee', sagte mein Witzbold, 'ich suche indes weiter'. Beim Frühstück bliebst du verschwunden und Kuschel zeigte so gar keinen Appetit. 'Siehste', heulte ich vor mich hin, 'sie hat die Kleine gefressen, diese alte eifersüchtige Schrulle'. 'So fängt das an, wenn man den Bezug zur Realität verliert', sagte ich nach einer Weile wie zu mir selbst, 'wie soll sie sie denn auch fressen können?' Frank schenkte mir einen Blick, der den Psychiatern alle Ehre machte. 'Ach', schluchzte ich 'guck' doch nicht so, ich weiss doch auch nicht, wo sie noch sein könnte, sie kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. 'Vielleicht doch', sagte er mit todernster Miene, 'vielleicht ist der Züchter ein Zauberer und zaubert seine Katzen nach der ersten Nacht wieder zurück. So kann er sie mehrmals verkaufen. Hast du seinen Anzug gesehen?' 'Ich mach' die Betten', sagte ich resigniert. Und dann flogst du im hohen Bogen heraus - aus dem Duvet. Du hattest dich während der Nacht im Bettbezug versteckt und liessest uns suchen, wie die Wilden, du Teufelsbraten. 'Wer suchet, der findet', sagte Frank beim Abschied und küsste uns alle drei. 'Jetzt hab' ich drei Frauen, eine alte, eine mittlere und eine junge. Mann, wenn das die Kollegen erfahren.
Um es vorweg zu nehmen. In den kommenden Wochen und Monaten erlebten wir mit Kuschel die schlimmste Zeit unseres Lebens. Sie markierte alles, was nicht niet- und nagelfest war. Wenn ich sage, alles, war das alles. Tragtaschen, Möbel, Polster, Pflanzen, Ecken, Toaster, Bücherregale, Laptops, Kopierer, Fax, Teppiche, Kleiderständer, Betten, Kleider und als Mass aller Dinge eine 'Bang und Olufsen' Stereoanlage, dessen Radioteil postum verbum der Entsorgung anheim fiel. Das Grinsen unserer Freunde nahm ein untragbares Ausmass an. 'Siehste'. Der Kaufpreis für Gina war im Vergleich zu den Kosten, die Kuschel verursachte, geradezu bescheiden. Aber irgendwann einmal, etwa ein Jahr später, hatten wir das Gröbste mit ihr überstanden, sie hatte ihr 'Schicksal' akzeptiert und wir beschäftigten uns fünf Jahre früher als geplant mit der Neuanschaffung diverser Haushaltsgegenstände.
Damals, an der Ausstellung in Zürich, sagte ich noch zu Frank 'auch wenn wir jetzt eine Katze mit Stammbaum haben, aber ausstellen werde ich sie nie und züchten schon 'mal gar nicht. Das ist alles nichts für mich. 'Braves Mädchen', lobte Frank, 'wäre auch absolut nicht in meinem Sinne. Dafür hast du auch zuviel andere Dinge um die Ohren. Jetzt haben wir die süsse Gina und Grossmütterchen Kuschel und damit basta'.
'Basta', sagte Frank, als 4 Kleine das Licht der Welt erblickten. Jetzt haben wir 63 Tage lang nichts anderes getan, als uns auf den Wurf vorbereitet. Wir haben Körbchen und Kissen und Deckchen und Näpfchen und Fläschchen und Nuggis und Spielzeug zu Hauf gekauft. Wir haben sämtliche Katzenbücher in den Buchhandlungen durchstöbert, in denen auch nur eine einzige Zeile über Katzengeburt und -aufzucht stand. Unser Küchenschrank strotzt vor Babymilch, Kittenfutter, Vitaminpasten und anderem Zeugs, das nur den Hersteller und Detaillisten glücklich macht. Ich finde im Kühlschrank nur noch Rahm, Quark und Yoghurt. Die Tiefkühltruhe berstet von Fisch, Gehacktem und Kalbfleisch, Naturabeef auch noch. Was soll das? Sag' 'mal, was soll das? Und was soll eigentlich der Katzenkorb im Bett? 'Gina bringt alle Kleinen nachts zu uns ins Bett und legt sie unter unsere Decke, wenn ich den Korb rausnehme', gab ich kleinlaut zurück. 'Ich hab' Angst, wir erdrücken sie sonst, sie sind noch so klein'. 'Ist ja klar, dass sie sie ins Bett bringt', gab Frank zurück. 'Du musstest ja auch den Korb mitten ins Bett stellen, als Gina ihre Jungen bekam, klar, bringt sie sie jetzt ins Bett'. An diesem Abend hingen alle Bilder schief.
'Ginelli, deine ersten Babys waren eine harte Probe für Frank und mich, sagte ich zu ihr, als sie mir einen Nasenstüber gab, was so viel hiess, wie 'komm jetzt und mach was zu essen'. 'Ja', sagte ich, zu ihr, 'hab verstanden, aber das muss ich dir noch erzählen.' 'Meine Nerven flatterten, wie du mir abends um Neun unmissverständlich zu verstehen gabst, dass du bereit warst, deinen Wurf zu landen. Du hattest den Tag über auf meine Rückkehr gewartet und dann musste alles ganz schnell gehen. Viel zu schnell für eine ungeübte Geburtshelferin wie mich. Du zeigtest mir dann beim Ersten wie es ging und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Frank kochte derweil unten in unserer damaligen Maisonettewohnung nach meinen knappen Anweisungen Spaghetti al sugo, derweil du mir Anweisungen gabst, wie man Kinder auf die Welt bringt. Das erste Baby war lackschwarz, wurde dann aber zusehends grauer. Oder war das braun? Oder gestreift? War's wohl ein Weibchen oder Männchen? Ach, egal, Hauptsache es war gesund und hatte 4 Füsschen. Beim zweiten liessest du dir lange, lange Zeit und schriest jämmerlich. 'Ruf mal meinen Tierarzt an, was ich machen muss', rief ich aufgeregt runter. Der Arzt war natürlich nicht erreichbar und seine Stellvertretung unterwegs. Statt dessen erklärte des Stellvertreters Frau Frank, was sie empfehlen würde. Und während Frank mir Anweisungen nach oben gab, zog und zog ich an diesem riesigen Etwas, so lange, bis dieses Etwas schwarzweiss und riesenschwer in meinen Händen lag. 'Sowas muss man lieben', stammelte ich vor Glück vor mich hin und schrieb auf meinen Wurfzettel beim Namen mit zittriger Hand 'Tiamo'. 'So war das, meine liebe Gini und nicht anders'. Ich stand auf und ging in die Küche. Gina, Tiamo, Uno und Kuschel im Schlepp. 'Was wollt ihr heute zur Feier des Tages?', fragte ich. 'Wenn wir schon mal ein Wochenende ganz für uns alleine haben und ich mir so einen guten Tropfen gönne, sollt ihr auch nicht leben wie ein Hund' und setzte einen kleinen Meerhecht auf. Das Summen der Dampfabzughaube ging unter im Geschnurre der Viererbande.
Ich huschte wieder unter meine Decke, fest entschlossen, meine Lektüre fortzusetzen. Aber schon war Gina wieder bei mir und vereitelte jegliche Konzentration. 'Ja, ja', sagte ich zu Gina, während ich ihre kleinen Schneeschuhe krauelte, 'das hätte ich damals auch nicht gedacht, dass du mit deinem ersten Wurf unser Leben so verändern würdest'. Und da waren sie wieder die Gedanken an die goldenen Herbsttage 91. Die Wochen eilten dahin und bald war aus dem tapsigen 4-er Wurf eine kleine Chaotenbande geworden. Kugelrund und zu allen Schandtaten dieser Welt bereit. 3 Monate sind eine kurze Zeit, blickt man zurück. Und schon bald sah man sich mit dem Gedanken konfrontiert, die Kleinen zur Adoption freizugeben. Mir drehte sich bei diesem Gedanken jeweils der Magen herum und es spielten sich erschütternde Abschiedszenen ab. Nur Tiamo blieb. 'Basta', sagte Frank. 'Das war der erste und letzte Wurf. Gina wird sterilisiert. Züchten kommt ja sowieso nicht infrage. Jetzt haben wir Gina, den süssen Timmeli und granny Kuschel. That's it.
'Basta', sagte Frank nach der ersten Ausstellung in Lugano, an der ich Gina 5 Monate nach ihrem Wurf zeigte. Gina erhielt ein CAC, von dem ich nicht wusste, was das bedeutete und die 3 Kleinen, die mir die neuen Besitzer freundlicherweise für das Wochenende wieder anvertrauten, sowie Tiamo erhielten in ihrer Klasse je ein V1. 'Was soll der Quatsch mit dem Ausstellen, du hast doch gesagt, dass dir das garnicht gefiele?' 'Ja', erwiderte ich kleinlaut, 'hab' ich gesagt, wollte ja auch nur mal sehen, wie Gina und der Wurf bewertet werden. Nur mal so.' 'Jetzt weisst Du's, meinte Frank auf der Heimreise. 'Und teuer ist der Spass obendrein, das Wochenende hat uns alles in allem 800.-- Fränkli gekostet. Dafür gehen andere 2 Wochen nach Mallorca. Jetzt hast du gesehen, wie der Zirkus abläuft. Gina und Tiamo sind mir für diesen Rummel zu schade. Wann bringst du Gina zum Arzt?' 'Ich weiss es noch nicht. Wir können ja bestimmt damit noch eine Weile warten, noch ist sie ja nicht rollig', versuchte ich Frank zu beschwichtigen. Er schien mir skeptisch.
Ich nahm Gina in die Arme. 'Siehste', sagte ich zu ihr 'und der Frank hatte damals allen Grund zur Skepsis. 14 Monate später hattest du abermals einen 4-er Wurf. Die Zahl der Abschiedstränen waren unzählbar. Doch der schwarzweisse Uno im Piratenlook blieb'. Ich blickte in die Runde und sah in 4 Paar funkelnde Katzenaugen. 'Basta', sagte ich mir. Gina, Tiamo, Uno, Kuschel. 'Und jetzt ist ein für allemal basta'.
Ich meinte ein Lächeln auf Gina's Gesicht zu sehen, als sie sich genüsslich über meine Lektüre rollte, auf die ich mich heute so garnicht konzentrieren konnte. 'So', sagte ich, 'jetzt haben wir genug geschmust, du Herzensbrecherin, du. Lass' mich 'mal in Ruhe ein paar Zeilen lesen'. Sie drückte ihre weissen Pfötchen gegen mein Gesicht und streckte mir ihren Bauch entgegen. 'Mäch', sagte sie und da war er wieder, dieser umwerfende Blick, der die Nonnen aus dem Kloster holte. 'Ach, Ginni, wenn Dir 'mal jemals was passieren sollte, ich mag nicht daran denken. Es würde mich umbringen'. Und Tränen kullerten in ihr Fell. 'So geht's doch immer', dachte ich. 'Wenn du etwas besonders liebst, sind die Verlustängste am stärksten.' 'Lass das Züchten', sagte Frank damals zu mir. 'Du bist dazu nicht geboren, du machst dich zu sehr kaputt für alles. Dazu gehört eine gewisse Portion Ratio. Und die hast du nicht - jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang. Züchte Bonsai.'
Mit 7 Jahren und nach 4 munteren Würfen trat Gina in den wohlverdienten mütterlichen Ruhestand. In diesem Jahr wird sie 14. Züchten wurde im Laufe der Jahre zu meinem Hobby. Während dieser Zeit sagte ich schon unzählige Male 'basta'.